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Artikelnummer: 20190507
Autor: s. Fußnote*)

 

Anthropozentrismus – ein passgenauer Schlüssel zur Ausbeutung der Erde

 

Zusammenfassung

Anthropozentrisches Handeln hat eine lange Geschichte und ist in verschiedenen Kulturen unabhängig entstanden. Der Anthropozentrismus (ANZ) ist eine Ideologie und beansprucht weitreichende Sonderrechte für den Menschen im Umgang mit der restlichen belebten und unbelebten Welt. Der ANZ hat auch die deutsche Gesetzgebung nachhaltig geprägt. In industrialisierten Gesellschaften wurde die ursprüngliche Idee des ANZ zunehmend modifiziert. Die Rechte zur Ausbeutung der natürlichen Ressourcen gingen hierbei schrittweise vom Menschen auf das Kapital über. Menschen, die nicht über Kapital verfügen, wurden von den Privilegien des ANZ weitgehend ausgeschlossen. Die Folgen der wirtschaftlichen Ausbeutung der Erde verbleiben dagegen weiterhin beim Kollektiv aller heute und zukünftig lebenden Menschen. 

 

 

Anthropozentrismus als Ideologie

Auf der Suche nach einem universalen Motiv für die Ausbeutung der Erde durch moderne Industriegesellschaften stößt man rasch auf den Begriff des Anthropozentrismus (ANZ). Dieser Begriff beschreibt eine Sichtweise des menschlichen Handelns, bei der der Mensch im Mittelpunkt aller weltlichen Realität steht. Nur Menschen sind hierbei Träger von eigenen Rechten. Nur der Mensch hat einen Eigenwert. Alle Tiere und Pflanzen (wie auch die unbelebte Umwelt) haben nur dann einen Wert, wenn sie einen Nutzen für Menschen haben. Tiere und Pflanzen besitzen grundsätzlich keine eigenen Rechte. Da das anthropozentrische Weltbild bei einer fiktiven ‚Umfrage‘ unter den Angehörigen aller Tier- und Pflanzenarten wohl keine Zustimmung finden würde, erfüllt es die Kriterien für eine Einstufung als Ideologie [1].

 

 

Die Wurzeln des Anthropozentrismus

Die historischen Wurzeln des anthropozentrischen Weltbildes reichen weit in die Vergangenheit zurück. Bereits die frühe christliche Auffassung einer Ebenbildlichkeit von Mensch und Gott (Genesis 1,26) begründete eine erhabene Stellung des Menschen in der Welt, mit weitreichenden Sonderrechten gegenüber der belebten und unbelebten Natur. Heute steht das Christentum unter dem Verdacht, seit seiner Begründung ein anthropozentrisches Denken zu fördern und damit ein maßgeblicher Akteur der heraufziehenden Umweltkrise zu sein [2]. Mit der Philosophie der Aufklärung wurde dann für Europa die zweite Stufe der Selbsterhöhung des Menschen gezündet. René Descartes (1596-1650) sah im Menschen das einzige Wesen, das „mit geistiger Substanz ausgestattet“, d.h. vernunftbegabt ist und damit anderen Arten überlegen ist. Lebewesen die nicht denken, nach dem damals möglichen Verständnis also auch alle Tiere, waren nach Descartes nichts weiter als komplexe Maschinen. Auch nach Immanuel Kant (1724-1804) erhebt sich der Mensch über alle Tierarten. Sein besonderer Status entsteht bei Kant allerdings dadurch, dass nur der Mensch ein sittlich korrektes Leben nach geltenden Normen führen könne. Insgesamt ist ANZ in verschiedenen Kulturen auf unabhängigen Wegen zur zentralen Ideologie der Menschheit für den Umgang mit dem „Rest“ der Erde geworden. Aber erst mit den technischen Möglichkeiten der industrialisierten Gesellschaften wurde diese Ideologie zu einem Problem von existenzieller Bedeutung.

Seit dem biblischen Buch Genesis und den Philosophen der Aufklärung hat nun unbestritten ein gigantischer Zuwachs an Wissen über die Biosphäre stattgefunden. Während Descartes und Kant im Sinne der Aufklärung ein philosophisches Weltbild ohne relevante Kenntnisse der biologischen Realität entwarfen, sollte heute auch dem interessierten Laien ein Stück weit bewusst sein, wozu Tiere und Pflanzen wirklich fähig sind. Die Biowissenschaften haben uns gezeigt, dass viele Tierarten weit mehr als plumpe Maschinen sind und viele Pflanzenarten erstaunliche Fähigkeiten besitzen. Auch das Konzept von der Überlegenheit des denkenden Menschen hat seitdem erheblichen Schaden genommen. Immerhin war die Geschichte der Menschheit in den letzten 1000 Jahren eine Abfolge von Kriegen und Völkermorden. Je moderner die Zeiten wurden, desto effektiver wurde das Morden. Mehr braucht über das sittlich korrekte Leben des Menschen, nach Immanuel Kant die Grundlage für die Erhebung des Menschen über andere Lebensformen, wohl nicht gesagt zu werden.

Was aber im gesellschaftlichen Alltag von Industriegesellschaften, trotz einer  Erosion der philosophischen und religiösen Grundlagen stets erhalten blieb, ist der unerschütterliche Glaube an die Sonderrechte des Homo sapiens. Mit der Festigkeit einer Betonmauerwand hält sich ein dazu passendes Weltbild in den Köpfen der heute lebenden Menschen. Mag sein, dass der Lack des ANZ  aktuell etwas abblättert und Einzelne verbal ein Verständnis für die Notwendigkeit des Umdenkens signalisieren. Im Alltag regiert aber noch immer und überwiegend die bequeme Sichtweise:

„Ich bin als Mensch ein Angehöriger der wichtigsten aller Arten und kann deshalb mit anderen Lebensformen machen was ich will oder was mir nützlich erscheint, z.B. andere Arten  

  • ausrotten [z.B. Auerochse (1627); Jemen Gazelle (1951); Bergwisent (1927); Chinesischer Flussdelfin (2002)]   
  • als „Fleisch“ aufessen [z. B. Hausschwein, Rind, Hund, Hering, Huhn oder Lachs]
  • für wissenschaftliche Experimente missbrauchen [z. B. Affen, Katzen, Fische, Hunde, Mäuse]
  • verstümmeln (z. B. Schweine für Massenhaltung, Hunde für Modezüchtungen, Ziegen für Mohairwolle)
  • zu deformierten Kreaturen züchten (Hunderasse Mops; Labortiere für biomedizinische Forschung; Ziervögel mit überdimensionierten Federhauben]
  • als „Schädlinge“ vergiften [Nager (Hamster, Mäuse); Füchse; Insekten; Krähen]
  • verhungern lassen [Wale, Delfine (durch die Aufnahme von Plastikmüll aus dem Meerwasser)] oder
  • zu Millionen in jedem Jahr ersticken (männliche Küken in Hühnerfarmen)

 

 

Der Anthropozentrismus im deutschen Recht

Ebenfalls soll hier erwähnt werden, dass auch das deutsche Rechtssystem wesentlich vom ANZ durchdrungen ist. So findet man im wichtigsten Bundesgesetz zum Tierschutz:

„Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“ (§ 1 S. 2, TierSchG)

Was zunächst verantwortungsvoll klingt, wird im Angesicht der real existierenden menschlichen Vernunft und der wirtschaftlichen Interessen schnell zu einer Mogelpackung. Bedenkt man, dass nach geltendem Recht auch die Optimierung des wirtschaftlichen Profits bei einem Schweinezüchter ein vernünftiger Grund ist, Schweine zu verstümmeln und unter abartigen Bedingungen auf Gitterböden zu halten, so ist dieses Bundesgesetz noch weniger als ein stumpfes Schwert gegen den Missbrauch von Tieren. Die 22 Paragraphen des Tierschutzgesetzes sind darüber hinaus gespickt mit relativierenden Bedingungen, Ausnahmebestimmungen und Sondergenehmigungen. Jede wirtschaftlich, wissenschaftlich oder jagdlich übliche Nutzung von Tieren wurde auf diesem Weg durch das TierSchG legitimiert. Wir sehen hier somit ein lupenreines Beispiel für die Wirksamkeit der Ideologie des ANZ.

 

 

Wer profitiert heute vom Anthropozentrismus?

Auf den ersten Blick ist dies eine einfache Frage mit einer ebenso einfachen Antwort: Alle Menschen profitieren scheinbar von der Ausbeutung anderer Lebensformen und der unbelebten Umwelt: Der Kapitaleigner und der Unternehmer machen Gewinne, der abhängig Beschäftigte verdient seinen Lebensunterhalt, der Staat nimmt Steuern ein und der Hobbyjäger darf zum Feierabend „seine“ Rehe abschießen. Aber, - diese einfache Antwort relativiert sich schnell mit etwas Nachdenken. Die Gründe hierfür sind zum Beispiel:

  • Der wirtschaftliche Nutzen der Ausbeutung natürlicher Ressourcen ist in einem hohen Maße ungleich zwischen den Mitgliedern einer Gesellschaft, egal ob lokal, national oder international, verteilt. Nur die Verfügbarkeit von Kapital schafft heute die Legitimation zur signifikanten Ausbeutung von natürlichen Ressourcen.
  • Eine Ausbeutung natürlicher Ressourcen, die zu einer Degradation der natürlichen Umgebung führt, bringt nur für ‚heute‘ Gewinne. Kommende Generationen werden einen hohen Preis dafür bezahlen (z.B. Braunkohle Tagebau und Kohleverstromung durch RWE).
  • Während die natürlichen Ressourcen der Erde, von einem ethischen Ansatz aus betrachtet, allen Menschen zu gleichen Teilen „zustehen“ sollten, sind die Gewinne aus dem Verbrauch dieser Ressourcen in der Realität den Kapitaleignern, deren abhängig Beschäftigten und in einem geringeren Maße nachfolgenden Gliedern der Wertschöpfungsketten vorbehalten.
  • Die Folgekosten der Ausbeutung von natürlichen Ressourcen durch die ‚legitimierten‘ Kapitaleigner gehen weitestgehend zu Lasten der Mittellosen und wirtschaftlich Unbeteiligten (z. B. Abholzung des Amazonas Regenwaldes).
  • Die Menschen in armen Ländern werden mit den eher geringen Einnahmen aus dem Verkauf von Rohstoffen abgespeist, während der Löwenanteil der mit diesen Rohstoffen erwirtschafteten Gewinne an die Kapitaleigner von international tätigen Konzernen geht (z.B. Palmöl aus Indonesien und Malaysia).
  • Umweltschäden aufgrund der Gewinnung von Rohstoffen verbleiben voll zu Lasten der (armen) Lieferländer (z.B. Mangan-Minen in Südafrika und der Ukraine).
  • Die Spätfolgen einer Ausbeutung von Natur, sowie der Produktion und Ausbringung von Pestiziden gehen regelmäßig zu Lasten der Allgemeinheit, während die damit erzielten Gewinne zu Gunsten der Kapitaleigner verbucht werden (z. B. Sicherung der Giftmülldeponie der Bayer AG in Leverkusen).
  • Die Anwendung von Bioziden zur Senkung von Produktionskosten in der industriellen Landwirtschaft belastet Unbeteiligte (z.B. Glyphosat in Brot und Weizenbier).
  • Multiresistente Keime (z. B. MRSA), die aus dem üppigen Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung entstanden sind, töten vor allem Unbeteiligte in weit entfernten Krankenhäusern [3]

 

Diese Aufzählung könnte so noch lange weiter geführt werden. Bereits jetzt ist aber die zentrale Schwachstelle einer wirtschaftlichen Instrumentalisierung des ANZ klar erkennbar:

Sowohl der aktuelle Verbrauch von Natur, als auch die im Nachgang anfallenden Folgekosten jeglicher Art, gehen zu Lasten eines gesellschaftlichen Kollektivs und zukünftiger Generationen. Derweil verbleiben die kurzfristig erzielten Gewinne im Wesentlichen bei den Kapitaleignern des produzierenden Unternehmens und zu einem eher geringen Teil bei den abhängig Beschäftigten und nachfolgenden Gliedern der Wertschöpfungsketten.

 

 

Das Kapital kaperte den Anthropozentrismus

Die anthropozentrisch motivierte Ausbeutung der Natur wurde also offenbar weitgehend und stillschweigend für die Optimierung des wirtschaftlichen Profits von Kapitalanlegern gekapert. War bereits die Ideologie des ANZ an sich mehr als nur fragwürdig, so wurde diese durch das Wirtschaften der modernen Industriegesellschaften völlig pervertiert.

Im neuen ANZ der Industriegesellschaften ist nicht mehr der Mensch der Mittelpunkt der weltlichen Realität (wie einst von Religion und Philosophie postuliert), sondern das Kapital. Und dieses Kapital gehört einem verschwindend kleinen Teil der Menschheit.

Somit beutet gerade in diesem Augenblick und unabwendbar eine kleine und finanzkräftige Elite die Erde aus und zerstört die Lebensgrundlagen kommender Generationen? Wie immer im Leben gibt es auf diese Frage keine einfache Antwort. Warum kann diese kapitalstarke Elite so unbehelligt handeln? Kann es sein, dass die restliche Gesellschaft sich mit Ersatzangeboten hat ‚einseifen‘ lassen, nach dem altrömischen Motto „Brot und Spiele für das Volk“? Kann es sein, dass die große Mehrheit zufrieden damit ist, vor dem Fernseher sitzend den ESC (European Song Contest) zu konsumieren? Oder mit einem repräsentativen SUV auf der Autobahn im Stau zu stehen? Dieses Thema werden wir aber in einem der nächsten Artikel behandeln. Zunächst bedanke  ich mich für Ihre Aufmerksamkeit bei meiner Betrachtung von Akteuren und Bedeutung des modernen Anthropozentrismus.

 

[1] Ideologien sind ausformulierte Leitbilder sozialer Gruppen (hier der biologischen Art Homo sapiens), die zur Begründung und Rechtfertigung ihres Handelns dienen (wikipedia.org, Stichwort Ideologie)  

[2] Umweltkrise – Folge und Erbe des Christentums? H.J. Münk, Jahrbuch für Christliche Sozialwissenschaften 28, 133-206 (1987)

[3]  MRSA sind multiresistente Staphylococcus aureus Bakterien, die gegen eine Vielzahl oder alle bekannten Antibiotika resistent sind. MRSA haben ihren Ursprung in der Anwendung von Antibiotika in der Massentierhaltung und werden vor allem in Krankenhäusern zu einem Problem für immungeschwächte Menschen.

*) Ein Text der schon geschrieben ist, braucht keinen Autor mehr.