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Artikelnummer: 20190518
19. Mai 2019
Bereich: themen / gesellschaft

Dr. Henrik Laasch

 

 

Die Konsumgesellschaft schafft sich ab

 

Prolog. Für 2000 Jahre, bis etwa 1000 n. Chr., lag die Zahl der weltweit  lebenden Menschen weitgehend konstant zwischen 100 und 300 Mio. In den folgenden Jahrhunderten schwankte die Weltbevölkerung dann mit teils erheblichen Zuwächsen und Verlusten aufgrund von großen Epidemien (Pest, Pocken) und lag um das Jahr 1700 wieder bei etwa 300 Mio. Ab dem 18. Jahrhundert begann ein fast exponentielles Wachstum und zu Beginn des Jahres 2019 lebten etwa 7,65 Mrd. Menschen auf der Erde [1]. Aktuell beträgt der Zuwachs der Weltbevölkerung etwa 220.000  Menschen pro Tag. Die UN erwarten für 2050 etwa 9,7 Mrd. Menschen [2]. Aufgrund dieser Bevölkerungsentwicklung stellt sich die dringende Frage, ob die Ressourcen der Erde die Bedürfnisse so vieler Menschen dauerhaft befriedigen können.

 


 

Ist unser Lebensstil zu komfortabel?

Bereits das Thema dieses Artikels ist nach meiner Vermutung für viele Leser provokant oder polemisch. Die meisten Menschen in Deutschland werden ihren Konsum und ihre Komfortzone, d.h., die ständige und persönliche Verfügbarkeit aller von ihnen genutzten Ressourcen, nachdrücklich verteidigen. Beispiele für einen allgegenwärtigen Komfort sind z. B.

  • die Verfügbarkeit fossiler Energieträger nach Bedarf,
  • tierische Produkte (Fleisch, Milch, Eier) im Überfluss,
  • ständig verfügbare private und öffentliche Verkehrsmittel,
  • stets frisches Obst aus Südamerika, Neuseeland oder Costa Rica,
  • eine lückenlose medizinische Versorgung, auch für kleine Wehwehchen,
  • billige Kleidung auf Kosten von Hungerlöhnen in Entwicklungsländern.

Auch wenn nur wenige bereit sein werden diesen Komfort freiwillig ein Stück weit aufzugeben, - haben wir wirklich noch die Wahl ob wir das wollen? Lassen Sie uns zur Klärung dieser Frage einen Blick auf die Lebensgewohnheiten der Bundesbürger werfen. Wir betrachten hierfür den Durchschnittsbürger Max Mustermann (MM), dessen Lebensweise und Konsumverhalten einem fiktiven und repräsentativen Mittelwert des Verhaltens aller Deutschen entspricht. In der Realität gibt es natürlich erhebliche Abweichungen vom Verhalten des MM, aus der Sicht seiner ökologischen Verträglichkeit im positiven, wie auch im negativen Sinne. Vom Neugeborenen bis zum Greis und vom überzeugten Radfahrer bis zum Jetsetter wurde hier also ein Mittelwert über alle Bundesbürger gebildet.

Betrachten wir konkrete Beispiele aus dem Leben von MM :

  • Im Jahr 2017 fuhr MM 9160 km mit seinem Kraftfahrzeug. Insgesamt wurden in Deutschland 733 Mrd. Kilometer zurückgelegt. [3]
  • Im gleichen Jahr wurden etwa 600 Mio. Hühner, 58 Mio. Schweine, 4 Mio. Rinder, 16 Mio. Enten, 35 Mio. Puten, sowie 2 Mio. Schafe, Ziegen und Pferde geschlachtet. Insgesamt wurden also 715 Mio. Tiere zur Gewinnung von „Fleisch“ getötet. MM hat seinen ‚gerechten‘ Anteil hiervon verzehrt. [4]
  • Für seinen privaten Konsum entsorgt MM 37 kg Plastikmüll pro Jahr aus den Verpackungen seiner Einkäufe. Insgesamt erzeugte die Industrie in seinem Land 146 kg Kunststoffe pro Kopf der Bevölkerung. Das ist so viel, wie in keinem anderen Land Europas [5].
  • MM fuhr auch 2017 wieder einmal für 13 Tage in den Urlaub. Außerdem benutzte er einmal im Jahr das Flugzeug für seine Reisen. Einmal pro Woche fährt er mit der Deutschen Bahn an sein Ziel.
  • Wenn MM krank ist, lässt er sich von einem der 380.000 Ärzte in Deutschland eines der zugelassenen 48.377 Medikamente verschreiben, das er sich in einer der 19.750 öffentlichen Apotheken holt.
  • In jedem Jahr kauft MM 60 neue Kleidungsstücke, die im Durchschnitt nach einem Jahr wieder im Müll landen [7].
  • Schließlich wirft er pro Jahr 225 kg Lebensmittel ungenutzt in den Abfall. Für alle Bundesbürger werden damit 2,6 Mio. Hektar landwirtschaftliche Fläche für die Mülltonne bewirtschaftet [8].

Dies sind nur einige Beispiele, die den vermeintlichen oder tatsächlichen Komfort im Leben eines durchschnittlichen Bundesbürgers veranschaulichen. Wer der Meinung ist, dass dies alles kein wirklicher Komfort sondern selbstverständlich sei, der möge bitte einmal an die etwa 4,5 Mrd. Menschen denken, die ihr Leben in den sogenannten Entwicklungsländern führen. Dort ist bereits der Besitz von sauberem Trinkwasser und einer täglichen Mahlzeit ein nicht mehr selbstverständlicher Reichtum.

 

Der Welterschöpfungstag

Im Jahr 2006 wurde von der Organisation Global Footprint Network der Begriff des Welterschöpfungstages (engl. Earth Overshoot Day) eingeführt [6]. Der Begriff beschreibt den Tag eines jeden Jahres, an dem der Verbrauch von nachwachsenden Rohstoffen durch alle Menschen die Jahresproduktion der gesamten Erde für diese Rohstoffe übersteigt. Erstmals im Jahr 1971 überstieg der Verbrauch knapp die Gesamtproduktion. Im Jahr 2017 war der globale Welterschöpfungstag dann bereits am 2. August. Die Menschheit verbrauchte somit 1,7-fach alle nachwachsenden Vorräte. Von 1971 bis 2017 lag der Welterschöpfungstag jedes Jahr ein paar Tage früher. Da man nicht mehr als Alles verbrauchen kann, liegt nach den Gesetzen der Denklogik seit 1971 ein  wachsender Substanzverzehr vor, der die jährliche Neubildung von Ressourcen auf längere Sicht immer kleiner werden lässt. In der schöngeredeten Welt des Konsums könnte man diesen Zustand vielleicht als „globales negativ-Wachstum der natürlicher Wirtschaftsfaktoren“ nennen.

 

Nationaler Erschöpfungstag in Deutschland

In Deutschland war der nationale Erschöpfungstag in 2017 bereits am 1. Mai. Somit wurden von allen Bundesbürgern und den für die Funktionsfähigkeit des deutschen Wirtschaftssystems aktiven Unternehmen in diesem Jahr 300 % der bei uns nachwachsenden Ressourcen verbraucht. Auch in der Bundesrepublik liegt also eine massive Übernutzung von natürlichen Ressourcen vor, oder, wir nehmen anderen Menschen ihre Ressourcen weg um sie für unseren Komfort zu nutzen. Erwartungsgemäß ist der bundesdeutsche Mehrverbrauch auch signifikant höher als der Mittelwert der weltweiten Verbräuche. Detaillierte Informationen zum Konzept der Erschöpfungstage finden Sie auf den Seiten des Global Footprint Network [6] oder bei Wikipedia [9].

 


 

 

Persönlicher Konsum oder die Rolle als Exportweltmeister?

Nicht nur das persönliche Konsumverhalten der Bundesbürger wirkte in der Vergangenheit auf den Ressourcenverbrauch im Inland. Im Jahr 2018 war Deutschland wieder zum Exportweltmeister geworden, mit einem Überschuss der Leistungsbilanz von 265 Mrd. Euro. Die diesem Erfolg zugrunde liegende, gewaltige Menge von exportierten Waren hatte natürlich auch signifikante Auswirkungen auf die Menge der im Inland verbrauchten Ressourcen: Das Bruttoinlandsprodukt in 2018 betrug rund 3,39 Billionen Euro. Davon gingen Waren im Wert von rund 1,3 Billionen Euro in den Export und für 1,04 Billionen Euro wurden zusätzliche Waren aus dem Ausland eingeführt. Im Inland verblieben somit Waren im Wert von 3,13 Billionen Euro. Alleine die Dimension dieser Zahlen lässt den Betrachter schwindelig werden.

Niemand betreibt einen gigantischen Aufwand für Produktion, Logistik, Transport und Vertrieb von Waren im Wert von 3.130.000.000.000 Euro als Selbstzweck. Die treibende Kraft hinter diesen riesigen Wirtschaftsleistungen ist – natürlich  – der finanzielle Gewinn. Das ist grundsätzlich ein berechtigtes Interesse, es stellt sich aber die Frage, wer sind die Gewinner des Wirtschaftskreislaufes. Wo landet der Löwenanteil der Erträge? Die Frage bezieht ihre Berechtigung zu einem großen Teil aus der Tatsache, dass für jede Produktion von Waren auch ein Verbrauch von natürlichen Ressourcen entsteht, der letztlich nicht mit seinem wirklichen Wert in die Gewinnermittlung der Unternehmen eingeht. Schnell könnte hier der Gedanke entstehen, dass Unternehmensgewinne privatisiert werden, während die Folgekosten aus dem Verbrauch von Natur und Umwelt auf die gesamte Gesellschaft abgewälzt werden. Die Verteilung der Gewinne aus allen Wirtschaftsleistungen erfolgt durch ein enges Geflecht von Kapitalströmen zwischen den gesellschaftlichen Akteuren:

Der Staat. Er benötigt finanzielle Mittel um seine Aufgaben wahrzunehmen. Die wichtigsten Aufgaben des Staates sind, dafür zu sorgen, dass alle in der Bundesrepublik lebenden Menschen in Würde, Freiheit und Sicherheit leben können und dass ein Ausgleich zwischen den wirtschaftlich Stärkeren und Schwächeren erfolgt. Für diese Aufgaben genehmigten sich Bund und Länder im Jahr 2017 ca. 704 Mrd. Euro durch ihre Steuereinnahmen.

Abhängig Beschäftigte. Im Jahr 2017 gab es in Deutschland 41,3 Mio. Privathaushalte, von denen 9 % weniger als 900 € pro Monat und mehr als 50 % weniger als 2.600 € pro Monat verdienten.

Unternehmen. Nur für wenige Unternehmensformen, hier insbesondere die Kapitalgesellschaften, gibt es gesetzliche Vorschriften zur Veröffentlichung von Gewinnen. Eine Maßzahl für die wirtschaftliche Effizienz von Unternehmen ist jedoch die Nettoumsatzrendite (% Gewinn = Gewinn nach Abzug von Steuern / Umsatz x 100). So lag die Nettoumsatzrendite von mittelständischen Unternehmen im Jahr 2017 in Deutschland bei etwa 7 % [16]. Überschlägig und im Bewusstsein der sehr starken Vereinfachung der Berechnungsgrundlage ergibt sich bei einem Umsatz von 3,1 Billionen Euro ein grob geschätzter Reingewinn von 217 Mrd. Euro für die beteiligten Unternehmen.

Banken und Investoren. Diese Gruppe der Marktteilnehmer ist in Verruf geraten. Banken machen Gewinne, wenn aber Verluste entstehen werden sie als systemrelevante Unternehmen vom Staat mit Steuergeld refinanziert. Investoren haben den Ruf keinen wirklichen Bezug zu ihren Unternehmen zu haben. Was zählt ist der kurzfristige, bestenfalls der mittelfristige Gewinn. Dieses Verhalten hat einem besonders aggressiv handelnden Teil von Banken und Investoren den Beinamen „Heuschrecken“ eingetragen.

Grund- und Hauseigentum. Dies ist - im Gegensatz zum Kapital - der unbewegliche Teil des Vermögens. Grund- und  Hauseigentümer tragen in der Bundesrepublik in besonderem Maße Verantwortung für den verantwortungsvollen Umgang mit natürlichen Ressourcen (Ackerflächen, Wald, Gewässer, Wohngebäude). Die Eigentümer von Wald- und Landwirtschaftsflächen sind darüber hinaus in besonderem Maße von den Folgen der wirtschaftsbedingten Veränderung der Umwelt betroffen (Sturm, Hitzewellen, Trockenheit). Wohnungseigentum hat einen erheblichen Einfluss auf die Nutzung von natürlichen Ressourcen (z.B. energetische Sanierung von Häusern). Während beim Privatbesitz von Immobilien oftmals ein großes Interesse an nachhaltigen Nutzungsformen (z. B. private Wald- oder Hausbesitzer) besteht, liegt bei Häusern und wirtschaftlich genutzten Bodenflächen im Eigentum von Unternehmen der Fokus auch hier auf der Maximierung von Gewinnen.

Zusammenfassend gehe ich davon aus, dass ein wahrscheinlich erheblicher Teil der im Rahmen des Bruttoinlandsproduktes als Gewinne erwirtschafteten Finanzmittel einer kleinen Gruppe von kapitalstarken Personen zufließt, die nur geringes Interesse an nachhaltigem Wirtschaften und den Lebensbedingungen zukünftiger Generationen zeigen. Diese Personengruppe interessiert nur die Höhe des Gewinns hier und heute.

 


 

 

Im folgenden Abschnitt kehren wir zurück zur Bedeutung der Konsumenten (Verbraucher) für die weitere Entwicklung der Konsumgesellschaft.

 

Haben Sie, als Mensch in einem Industrieland, mehr Rechte als andere Menschen, z. B. in Afrika?

Die Mehrzahl der Bundesbürger wird diese Frage als verstörend empfinden. So steht doch schon im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland in Art. 3 (1): „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich“. Auch der europäische Humanismus und die christlichen Religionen fordern die Gleichheit aller Menschen. Wir wurden so erzogen, die Gleichheit zumindest verbal zu behaupten. Mit einem direkten Rechtevergleich von Menschen verschiedener Herkunft konfrontiert, wird die große Mehrheit der Bundesbürger deshalb antworten: „Nein, alle Menschen haben die gleichen Rechte.“

Ein direkter Vergleich dieses verbalen Bekenntnisses mit dem tatsächlichen Verhalten von Bundesbürgern zeigt aber klar: Hier klafft eine große Lücke zwischen Worten und Taten. Niemand kann heute noch glaubhaft behaupten nicht zu wissen, welchen Preis der komfortable Lebensstil der Industrienationen für die Menschen in den armen Ländern Afrikas, Asiens und Südamerikas hat. Dort arbeiten Menschen für einen Hungerlohn um Rohstoffe für die industrielle Produktion in den Industrienationen zu ernten, abzubauen oder zu verarbeiten. Für einen Hungerlohn deshalb, weil der Verdienst kaum dafür reicht für die eigene Familie ausreichend Essen zu beschaffen. An eine medizinische Versorgung wie Sie und ich diese gewohnt sind, brauchen wir nicht einmal zu denken. Erinnern Sie aber noch einmal die 225 kg Lebensmittel, die der statistische Bundesbürger Max Mustermann in jedem Jahr in die Mülltonne wirft. Trotzdem: Der nationale Erschöpfungstag (s. oben) rückt immer weiter auf den Jahresbeginn zu, die Wirtschaft muss weiter wachsen (wohin eigentlich?) und die reale Bereitschaft, zum Wohle anderer Menschen in den armen Ländern auf einen signifikanten Teil des Konsums zu verzichten, ist weiterhin nahe null. Eine ehrliche Antwort auf die Frage: Haben Sie als Mensch in einem Industrieland mehr Rechte als Menschen, z. B. in Afrika? müsste also lauten: „Theoretisch und gemäß meiner ethischen Erziehung sind zwar alle Menschen gleichberechtigt, aber praktisch muss ich diese Leute leider ausbeuten, um meinen bequemen Lebensstil zu erhalten“.

 

 

Haben Mensch von ‚HEUTE‘ mehr Rechte als Menschen von ‚MORGEN‘?

Der stetig steigende Konsum von Industriegütern führt offensichtlich zu einem Raubbau an natürlichen Ressourcen (s. Methoden zur Berechnung des Welterschöpfungstages [6]). Wer aber laufend mehr verbraucht als nachwachsen kann, der sägt quasi an dem Ast, auf dem er selber sitzt. Mag sein, dass dieser Ast stark ist und viel aushalten kann. Aber er wird brechen, spätestens wenn kommende Generationen mit noch mehr Menschen auf ihm Platz nehmen und weiterhin die Säge ansetzen. Was noch nicht in das Bewusstsein der Mehrheit der Bundesbürger vorgedrungen ist, unsere Gesellschaft betrügt damit jeden Tag aufs Neue die Menschen kommender Generationen. Wer laufend mehr verbraucht als nachwächst, der nimmt kommenden Generationen die Grundlagen ihrer Versorgung weg. Erodierte landwirtschaftliche Flächen, vermüllte Weltmeere, ausgestorbene Tier- und Pflanzenarten sowie eine überheizte Atmosphäre sind große Hypotheken für eine lebenswerte Zukunft unserer Nachfahren.

 

Was macht die Komfortzone des Konsums attraktiv?

Warum ist Konsum notwendig und attraktiv? Warum verteidigen wir unseren Überfluss so hartnäckig? Warum stattet die Gesellschaft ihre politischen Vertreter immer wieder mit dem Mandat aus, das zerstörerische Verhalten der Konsumgesellschaft zu konservieren?

Bereits 1972 stellte der Club of Rome in einer spektakulären Studie „Die Grenzen des Wachstums“ fest, dass ständiges Wachstum nicht nur eine technische Unmöglichkeit ist, sondern schon mittelfristig zu einem ökologischen Kollaps führen würde [10]. Die Notwendigkeit des Umdenkens sollte also seit etwa 45 Jahren in den Köpfen der verantwortlichen Entscheider angekommen sein. Was seit 1972 wirklich geschehen ist, sehen sie nicht nur an den vorrückenden Daten der Welterschöpfungstage [9], sondern auch an den täglichen Nachrichten aus Politik und Wirtschaft. Die Reduzierung des Konsums kann aber nicht die alleinige Lösung für die Reduzierung des globalen Ressourcenverbrauchs sein. Zu sehr hängt unser Gesellschaftssystem am Tropf des steten Wachstums. Bereits eine Verringerung des Wachstums – also noch kein Rückgang der Wirtschaftsleistung – treibt unseren Wirtschaftspolitikern im Jahr 2019 die Schweißperlen auf die Stirn. Ein tatsächlicher Rückgang von z.B. 20% wäre sicherlich katastrophal für den gesellschaftlichen Zusammenhalt der Bundesrepublik. Ein drastisches Beispiel für die Folgen eines starken Rückgangs der Wirtschaftsleistung konnte seit 2010 aufgrund einer Staatsschuldenkrise in Griechenland beobachtet werden. Bis 2013 hatte Griechenland etwa 26 % seines Bruttoinlandsproduktes eingebüßt. Damit stand das Land vor einer beispiellosen sozialen Zerreißprobe von der es sich bis heute nur langsam und aufgrund eines erneuten Wachstums wieder erholt.

 

 

Wo müssen Änderungen ansetzen?

Der Ansatz für eine erfolgreiche Umstellung des Wirtschaftens zu einem  Verzicht auf Wachstum (Postwachstumsökonomie) muss also viel früher und viel tiefer im Wirtschaftssystem ansetzen als auf der obersten Ebene des Konsums. Einige Denkansätze, die ein Wirtschaften ohne Wachstum sozialverträglich ermöglichen sollen existieren bereits [13] [14] [15], haben aber noch einen geringen Bekanntheitsgrad und bedürfen noch der praktischen  Erprobung.

 

Umso mehr kann ich Ihnen, als Konsument, an dieser Stelle noch keinen „Persilschein“ für Ihr Konsumverhalten ausstellen. Eine bessere Planung Ihres Konsums, der Umstieg auf Produkte mit längerem Lebenszyklus und der Verzicht auf besonders umweltschädliche Produkte kann sehr wohl schon heute und ohne Schaden für den sozialen Frieden umgesetzt werden. Was können Sie tun?  An dieser Stelle treffen wir – wie immer wieder – auf unsere alten Bekannten:

  • Ein PKW muss nicht 2.5 Tonnen wiegen und mit 200 PS motorisiert sein. Auch ein kleineres Auto mit – wenn Sie es denn brauchen - vergoldeten Türgriffen könnte Ihren „gesellschaftlichen Status“ angemessen repräsentieren.
  • Täglicher Fleischverzehr schadet Ihnen und – ganz klar – auch dem Tier, das Sie gerade essen.
  • Kreuzfahrtschiffe sind absolute „Dreckschleudern“ durch ihren Antrieb mit Schwerölen. Es gibt genug andere Möglichkeiten, den eigenen Urlaub zu gestalten.
  • Kurztrips mit dem Flugzeug sind besonders schädlich für die Atmosphäre  (4 Tonnen Kerosinverbrauch während 2 Minuten beim Start bei einer Boeing 747). Nutzen Sie die Alternativen auf den Kurzstrecken.
  • Und vieles andere mehr.

 

Alle reden über die negativen Folgen eines „weiter so“ und betonen die Notwendigkeit einer Anpassung ihres Konsumverhaltens, wenig geschieht aber wirklich. Als Ursachen für dieses Phänomen sehe ich fünf realistische Erklärungen für das Verhalten von Max Mustermann (MM):

  • MM ist es völlig egal, was mit anderen Menschen, zukünftigen Generationen und der Erde geschieht. Er ist zu bequem angemessen zu reagieren. Er ist schlicht ein Hedonist mit ausgeprägter Realitätsverweigerung.
  • MM ist intellektuell nicht in der Lage die Problematik des aktuellen Wirtschaftssystems und des begleitenden Niedergangs der natürlichen Ressourcen zu erfassen.
  • MM ist aufgrund einer lebenslangen Berieselung mit Produktwerbung und Parteipropaganda nicht mehr in der Lage, die Realität der Erde von der schöngeredeten Welt der Werbestrategen zu unterscheiden.
  • MM hat resigniert. Er hat das Gefühl, dass hier ein ganz großes Rad gedreht werden muss und seine begrenzten Möglichkeiten hierfür bei weitem nicht ausreichen.
  • MM ist als Arbeitnehmer in der Mitte seines Berufslebens bereits völlig ausgelastet mit der Organisation seines Alltags. Für die Auseinandersetzung mit weiteren Problemen fehlen ihm die Kraft und die Zeit.

 

Die aktuell in der Gesellschaft vorherrschende Einstellung zu Konsum und Wachstum beruht somit nicht direkt auf deren Nutzen an sich, sondern ist die Folge von Mechanismen, welche die positive Wahrnehmung des Konsums fördern: Gleichgültigkeit, Werbung von Wirtschaft und Parteien, Resignation,  intellektuelle Begrenzung oder schlichter Zeitmangel. Insgesamt existiert damit eine hoch brisante Mischung von sozialen, wirtschaftlichen und individuell-persönlichen Faktoren, die jede Veränderung des Status quo erheblich behindert. Konzerne, die nur am Shareholder Value (Aktionärswert) interessiert sind, Parteien die populistisch auf die Ansichten ihrer Wählerschaft schielen und eine zunehmende Globalisierung der Wirtschaftsbeziehungen dominieren die öffentliche Diskussion. Wenn die gesellschaftliche Einstellung zu Konsum und Wachstum geändert werden soll, dann muss an diesen Faktoren angesetzt werden. Wenn nichts geschieht, dann wird die Komfortzone des Konsums sich langsam aber sicher selbst auflösen. Das ist so sicher, wie die Zeit nur vorwärts läuft. Trotz aller späteren Bemühungen wird das in tiefgreifende Rezessionen, mehr Hunger auf der Welt und sozialen Unfrieden münden. Aber wir können jetzt noch handeln. Die Schülerbewegung Fridays for Future im Frühjahr 2019 ist eine hoffnungsvolle Initiative auf diesem Weg.

   

 

  [1] Deutsche Stiftung Weltbevölkerung, Hannover  www.dsw.org.

  [2] Bevölkerungsentwicklung. Bundeszentrale für politische Bildung, BPB (2017)

  [3] Statistik des Kraftfahrtbundesamtes, Flensburg (2017)

  [4] Albert Schweitzer Stiftung, Berlin, www.albert-schweitzer-stiftung.de

  [5] www.careelite.de/plastik-muell-fakten

  [6] Global Footprint Network, Oakland (USA)  www.footprintnetwork.org

  [7] Konsumkollaps durch Fast Fashion, Greenpeace, Hamburg (2017).

  [8] Das große Wegschmeißen, WWF Deutschland, Berlin (2017).

  [9] Earth Overshoot Day, Wikipedia, www.de.wikipedia.org/wiki/Earth_Overshoot_Day

[10] Die Grenzen des Wachstums, Dennis Meadows, Deutsche Verlagsanstalt (1972)

[11] Ecological Footprint Calculator, www.footprintcalculator.org

[12] Verteilung der Privathaushalte in Deutschland nach dem monatlichen
       Haushaltseinkommen im Jahr 2017. www.statista.com

[13] Economy 4 Mankind, www.economy4mankind.org

[14] Die Postwachstumsökonomie - ein Vademecum, Nico Peach, Zeitschrift für Sozialökonomie 46,  S.28-31 (2009)

[15] Macroeconomics Without Growth, Steffen Lange, Metropolis Verlag, Marburg (2018)

[16] Durchschnittliche Umsatzrenditen von mittelständischen Unternehmen in Deutschland nach Branchen im Jahr 2017, www.statista.com

 

 


 


 

 

 

Artikelnummer: 20190507
07. Mai 2019
Bereich: themen/gesellschaft


  Dr. J.C. Seltsam

 

Anthropozentrismus – ein passgenauer Schlüssel zur Ausbeutung der Erde

 

Zusammenfassung

Anthropozentrisches Handeln hat eine lange Geschichte und ist in verschiedenen Kulturen unabhängig entstanden. Der Anthropozentrismus (ANZ) ist eine Ideologie und beansprucht weitreichende Sonderrechte für den Menschen im Umgang mit der restlichen belebten und unbelebten Welt. Der ANZ hat auch die deutsche Gesetzgebung nachhaltig geprägt. In industrialisierten Gesellschaften wurde die ursprüngliche Idee des ANZ zunehmend modifiziert. Die Rechte zur Ausbeutung der natürlichen Ressourcen gingen hierbei schrittweise vom Menschen auf das Kapital über. Menschen, die nicht über Kapital verfügen, wurden von den Privilegien des ANZ weitgehend ausgeschlossen. Die Folgen der wirtschaftlichen Ausbeutung der Erde verbleiben dagegen weiterhin beim Kollektiv aller heute und zukünftig lebenden Menschen. 

 

 

Anthropozentrismus als Ideologie

Auf der Suche nach einem universalen Motiv für die Ausbeutung der Erde durch moderne Industriegesellschaften stößt man rasch auf den Begriff des Anthropozentrismus (ANZ). Dieser Begriff beschreibt eine Sichtweise des menschlichen Handelns, bei der der Mensch im Mittelpunkt aller weltlichen Realität steht. Nur Menschen sind hierbei Träger von eigenen Rechten. Nur der Mensch hat einen Eigenwert. Alle Tiere und Pflanzen (wie auch die unbelebte Umwelt) haben nur dann einen Wert, wenn sie einen Nutzen für Menschen haben. Tiere und Pflanzen besitzen grundsätzlich keine eigenen Rechte. Da das anthropozentrische Weltbild bei einer fiktiven ‚Umfrage‘ unter den Angehörigen aller Tier- und Pflanzenarten wohl keine Zustimmung finden würde, erfüllt es die Kriterien für eine Einstufung als Ideologie [1].

 

 

Die Wurzeln des Anthropozentrismus

Die historischen Wurzeln des anthropozentrischen Weltbildes reichen weit in die Vergangenheit zurück. Bereits die frühe christliche Auffassung einer Ebenbildlichkeit von Mensch und Gott (Genesis 1,26) begründete eine erhabene Stellung des Menschen in der Welt, mit weitreichenden Sonderrechten gegenüber der belebten und unbelebten Natur. Heute steht das Christentum unter dem Verdacht, seit seiner Begründung ein anthropozentrisches Denken zu fördern und damit ein maßgeblicher Akteur der heraufziehenden Umweltkrise zu sein [2]. Mit der Philosophie der Aufklärung wurde dann für Europa die zweite Stufe der Selbsterhöhung des Menschen gezündet. René Descartes (1596-1650) sah im Menschen das einzige Wesen, das „mit geistiger Substanz ausgestattet“, d.h. vernunftbegabt ist und damit anderen Arten überlegen ist. Lebewesen die nicht denken, nach dem damals möglichen Verständnis also auch alle Tiere, waren nach Descartes nichts weiter als komplexe Maschinen. Auch nach Immanuel Kant (1724-1804) erhebt sich der Mensch über alle Tierarten. Sein besonderer Status entsteht bei Kant allerdings dadurch, dass nur der Mensch ein sittlich korrektes Leben nach geltenden Normen führen könne. Insgesamt ist ANZ in verschiedenen Kulturen auf unabhängigen Wegen zur zentralen Ideologie der Menschheit für den Umgang mit dem „Rest“ der Erde geworden. Aber erst mit den technischen Möglichkeiten der industrialisierten Gesellschaften wurde diese Ideologie zu einem Problem von existenzieller Bedeutung.

Seit dem biblischen Buch Genesis und den Philosophen der Aufklärung hat nun unbestritten ein gigantischer Zuwachs an Wissen über die Biosphäre stattgefunden. Während Descartes und Kant im Sinne der Aufklärung ein philosophisches Weltbild ohne relevante Kenntnisse der biologischen Realität entwarfen, sollte heute auch dem interessierten Laien ein Stück weit bewusst sein, wozu Tiere und Pflanzen wirklich fähig sind. Die Biowissenschaften haben uns gezeigt, dass viele Tierarten weit mehr als plumpe Maschinen sind und viele Pflanzenarten erstaunliche Fähigkeiten besitzen. Auch das Konzept von der Überlegenheit des denkenden Menschen hat seitdem erheblichen Schaden genommen. Immerhin war die Geschichte der Menschheit in den letzten 1000 Jahren eine Abfolge von Kriegen und Völkermorden. Je moderner die Zeiten wurden, desto effektiver wurde das Morden. Mehr braucht über das sittlich korrekte Leben des Menschen, nach Immanuel Kant die Grundlage für die Erhebung des Menschen über andere Lebensformen, wohl nicht gesagt zu werden.

Was aber im gesellschaftlichen Alltag von Industriegesellschaften, trotz einer Erosion der philosophischen und religiösen Grundlagen stets erhalten blieb, ist der unerschütterliche Glaube an die Sonderrechte des Homo sapiens. Mit der Festigkeit einer Betonmauerwand hält sich ein dazu passendes Weltbild in den Köpfen der heute lebenden Menschen. Mag sein, dass der Lack des ANZ  aktuell etwas abblättert und Einzelne verbal ein Verständnis für die Notwendigkeit des Umdenkens signalisieren. Im Alltag regiert aber noch immer und überwiegend die bequeme Sichtweise:

„Ich bin als Mensch ein Angehöriger der wichtigsten aller Arten und kann deshalb mit anderen Lebensformen machen was ich will oder was mir nützlich erscheint, z.B. andere Arten  

  • ausrotten [z.B. Auerochse (1627); Jemen Gazelle (1951); Bergwisent (1927); Chinesischer Flussdelfin (2002)]   
  • als „Fleisch“ aufessen [z. B. Hausschwein, Rind, Hund, Hering, Huhn oder Lachs]
  • für wissenschaftliche Experimente missbrauchen [z. B. Affen, Katzen, Fische, Hunde, Mäuse]
  • verstümmeln (z. B. Schweine für Massenhaltung, Hunde für Modezüchtungen, Ziegen für Mohairwolle)
  • zu deformierten Kreaturen züchten (Hunderasse Mops; Labortiere für biomedizinische Forschung; Ziervögel mit überdimensionierten Federhauben]
  • als „Schädlinge“ vergiften [Nager (Hamster, Mäuse); Füchse; Insekten; Krähen]
  • verhungern lassen [Wale, Delfine (durch die Aufnahme von Plastikmüll aus dem Meerwasser)] oder
  • zu Millionen in jedem Jahr ersticken (männliche Küken in Hühnerfarmen)

 

 

Der Anthropozentrismus im deutschen Recht

Ebenfalls soll hier erwähnt werden, dass auch das deutsche Rechtssystem wesentlich vom ANZ durchdrungen ist. So findet man im wichtigsten Bundesgesetz zum Tierschutz:

„Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“ (§ 1 S. 2, TierSchG)

Was zunächst verantwortungsvoll klingt, wird im Angesicht der real existierenden menschlichen Vernunft und der wirtschaftlichen Interessen schnell zu einer Mogelpackung. Bedenkt man, dass nach geltendem Recht auch die Optimierung des wirtschaftlichen Profits bei einem Schweinezüchter ein vernünftiger Grund ist, Schweine zu verstümmeln und unter abartigen Bedingungen auf Gitterböden zu halten, so ist dieses Bundesgesetz noch weniger als ein stumpfes Schwert gegen den Missbrauch von Tieren. Die 22 Paragraphen des Tierschutzgesetzes sind darüber hinaus gespickt mit relativierenden Bedingungen, Ausnahmebestimmungen und Sondergenehmigungen. Jede wirtschaftlich, wissenschaftlich oder jagdlich übliche Nutzung von Tieren wurde auf diesem Weg durch das TierSchG legitimiert. Wir sehen hier somit ein lupenreines Beispiel für die Wirksamkeit der Ideologie des ANZ.

 

 

Wer profitiert heute vom Anthropozentrismus?

Auf den ersten Blick ist dies eine einfache Frage mit einer ebenso einfachen Antwort: Alle Menschen profitieren scheinbar von der Ausbeutung anderer Lebensformen und der unbelebten Umwelt: Der Kapitaleigner und der Unternehmer machen Gewinne, der abhängig Beschäftigte verdient seinen Lebensunterhalt, der Staat nimmt Steuern ein und der Hobbyjäger darf zum Feierabend „seine“ Rehe abschießen. Aber, - diese einfache Antwort relativiert sich schnell mit etwas Nachdenken.

Die Gründe hierfür sind zum Beispiel:

  • Der wirtschaftliche Nutzen der Ausbeutung natürlicher Ressourcen ist in einem hohen Maße ungleich zwischen den Mitgliedern einer Gesellschaft, egal ob lokal, national oder international, verteilt. Nur die Verfügbarkeit von Kapital schafft heute die Legitimation zur signifikanten Ausbeutung von natürlichen Ressourcen.
  • Eine Ausbeutung natürlicher Ressourcen, die zu einer Degradation der natürlichen Umgebung führt, bringt nur für ‚heute‘ Gewinne. Kommende Generationen werden einen hohen Preis dafür bezahlen (z.B. Braunkohle Tagebau und Kohleverstromung durch RWE).
  • Während die natürlichen Ressourcen der Erde, von einem ethischen Ansatz aus betrachtet, allen Menschen zu gleichen Teilen „zustehen“ sollten, sind die Gewinne aus dem Verbrauch dieser Ressourcen in der Realität den Kapitaleignern, deren abhängig Beschäftigten und in einem geringeren Maße nachfolgenden Gliedern der Wertschöpfungsketten vorbehalten.
  • Die Folgekosten der Ausbeutung von natürlichen Ressourcen durch die ‚legitimierten‘ Kapitaleigner gehen weitestgehend zu Lasten der Mittellosen und wirtschaftlich Unbeteiligten (z. B. Abholzung des Amazonas Regenwaldes).
  • Die Menschen in armen Ländern werden mit den eher geringen Einnahmen aus dem Verkauf von Rohstoffen abgespeist, während der Löwenanteil der mit diesen Rohstoffen erwirtschafteten Gewinne an die Kapitaleigner von international tätigen Konzernen geht (z.B. Palmöl aus Indonesien und Malaysia).
  • Umweltschäden aufgrund der Gewinnung von Rohstoffen verbleiben voll zu Lasten der (armen) Lieferländer (z.B. Mangan-Minen in Südafrika und der Ukraine).
  • Die Spätfolgen einer Ausbeutung von Natur, sowie der Produktion und Ausbringung von Pestiziden gehen regelmäßig zu Lasten der Allgemeinheit, während die damit erzielten Gewinne zu Gunsten der Kapitaleigner verbucht werden (z. B. Sicherung der Giftmülldeponie der Bayer AG in Leverkusen).
  • Die Anwendung von Bioziden zur Senkung von Produktionskosten in der industriellen Landwirtschaft belastet Unbeteiligte (z.B. Glyphosat in Brot und Weizenbier).
  • Multiresistente Keime (z. B. MRSA), die aus dem üppigen Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung entstanden sind, töten vor allem Unbeteiligte in weit entfernten Krankenhäusern [3]

 

Diese Aufzählung könnte so noch lange weiter geführt werden. Bereits jetzt ist aber die zentrale Schwachstelle einer wirtschaftlichen Instrumentalisierung des ANZ klar erkennbar:

Sowohl der aktuelle Verbrauch von Natur, als auch die im Nachgang anfallenden Folgekosten jeglicher Art, gehen zu Lasten eines gesellschaftlichen Kollektivs und zukünftiger Generationen. Derweil verbleiben die kurzfristig erzielten Gewinne im Wesentlichen bei den Kapitaleignern des produzierenden Unternehmens und zu einem eher geringen Teil bei den abhängig Beschäftigten und nachfolgenden Gliedern der Wertschöpfungsketten.

 

 

Das Kapital kaperte den Anthropozentrismus

Die anthropozentrisch motivierte Ausbeutung der Natur wurde also offenbar weitgehend und stillschweigend für die Optimierung des wirtschaftlichen Profits von Kapitalanlegern gekapert. War bereits die Ideologie des ANZ an sich mehr als nur fragwürdig, so wurde diese durch das Wirtschaften der modernen Industriegesellschaften völlig pervertiert.

Im neuen ANZ der Industriegesellschaften ist nicht mehr der Mensch der Mittelpunkt der weltlichen Realität (wie einst von Religion und Philosophie postuliert), sondern das Kapital. Und dieses Kapital gehört einem verschwindend kleinen Teil der Menschheit.

Somit beutet gerade in diesem Augenblick und unabwendbar eine kleine und finanzkräftige Elite die Erde aus und zerstört die Lebensgrundlagen kommender Generationen? Wie immer im Leben gibt es auf diese Frage keine einfache Antwort. Warum kann diese kapitalstarke Elite so unbehelligt handeln? Kann es sein, dass die restliche Gesellschaft sich mit Ersatzangeboten hat ‚einseifen‘ lassen, nach dem altrömischen Motto „Brot und Spiele für das Volk“? Kann es sein, dass die große Mehrheit zufrieden damit ist, vor dem Fernseher sitzend den ESC (European Song Contest) zu konsumieren? Oder mit einem repräsentativen SUV auf der Autobahn im Stau zu stehen? Dieses Thema werden wir aber in einem der nächsten Artikel behandeln. Zunächst bedanke  ich mich für Ihre Aufmerksamkeit bei meiner Betrachtung von Akteuren und Bedeutung des modernen Anthropozentrismus.

 

[1] Ideologien sind ausformulierte Leitbilder sozialer Gruppen (hier der biologischen Art Homo sapiens), die zur Begründung und Rechtfertigung ihres Handelns dienen (wikipedia.org, Stichwort Ideologie)  

[2] Umweltkrise – Folge und Erbe des Christentums? H.J. Münk, Jahrbuch für Christliche Sozialwissenschaften 28, 133-206 (1987)

[3]  MRSA sind multiresistente Staphylococcus aureus Bakterien, die gegen eine Vielzahl oder alle bekannten Antibiotika resistent sind. MRSA haben ihren Ursprung in der Anwendung von Antibiotika in der Massentierhaltung und werden vor allem in Krankenhäusern zu einem Problem für immungeschwächte Menschen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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